Der Fall Glattauer und die Medien
10. Nov. 2025

"Der Fall Glattauer hat gezeigt, dass die Sterbehilfedebatte sich schnell auf eine Mediendebatte verschieben kann. Legale Suizidhilfe wird von Kritikern kaum mehr direkt verneint, sehr wohl wird aber die öffentliche Sichtbarkeit des assistierten Suizids grundsätzlich in Frage gestellt. Abermals wurde die Möglichkeit versäumt, die für sterbewillige Menschen viel wichtigere Frage aufzugreifen: Wie ist gute Suizidhilfe möglich?"
Dieses Fazit zieht ÖGHL-Präsidentin Dr. Christina Kaneider nach einer Analyse der Medienberichterstattung zum ärztlich assistierten Suizid von Niki Glattauer am 4. September 2025. Der bekannte Autor und Lehrer hatte seinen Entschluss und die Hintergründe seiner Entscheidung in einem zwei Tage vor seinem Tod publizierten Interview öffentlich gemacht. Was folgte, war ein umfassender gesellschaftlicher Diskurs über Sterbehilfe und ein Medienecho, das auch zwei Monate danach noch anhält.
Während die redaktionelle Berichterstattung zumeist sachlich und die Leserreaktionen überwiegend positiv waren, dominierten in den Meinungsbeiträgen restriktiv-konservative Positionen. Da es in Österreich seit 2022 eine legale Form der Suizidhilfe gibt, wird das Recht auf assistierten Suizid kaum noch offen angezweifelt. Stattdessen verschiebt sich die Debatte auf die Kritik an der medialen Darstellung. Die Vorwürfe reichen von Sensationalismus, Heroisierung des assistierten Suizids und Marginalisierung der Palliativversorgung über zunehmenden Druck auf alte oder kranke Menschen bis zur ständig wiederholten Warnung vor zu erwartenden Nachahmungseffekten, ohne dass dies belegbar wäre.
Für Christina Kaneider ist diese Debatte äußerst unproduktiv, da sie keinerlei Auswirkungen auf die Praxis der Versorgung von Patienten am Lebensende hat. Sie plädiert dafür, den Fokus auf die wesentlich dringendere Frage zu richten, wie medizinisch begleitete, qualitätsgesicherte Suizidhilfe für alle Menschen zugänglich gemacht werden kann, die sich für diese Form des Sterbens entscheiden.
